Mein neues Leben in Rostock

Wow, seit über einem Jahr habe ich nichts mehr auf meinem Blog geschrieben. Ursprünglich war dieser Blog als Podcast geplant. Dann kam es anders und wie ihr seht, sind es nun hauptsächlich textbasierte Beiträge.

Obwohl ich eigentlich nichts über mein persönliches Leben schreiben wollte, mache ich genau das in meinem ersten Beitrag nach dieser sehr langen Pause.

© Morena Eckert

Mein Leben hat sich sehr verändert.

Ich versuche, es kurz zusammenzufassen, damit ihr einen Überblick bekommt. Ich war von 2017-2018 auf einem Gymnasium in meinem Kreis, die Schulleitung und ein Großteil der Lehrer waren leider nicht positiv gegenüber der Inklusion und/oder mir eingestellt.

Konkret bedeutete das, dass ich beispielsweise lange keinen Nachteislausgleich (NTA) hatte. Erst nach einem Halbjahr habe ich einen NTA bekommen, der allerdings sehr schlecht war. Ich musste Widerspruch einlegen, vorerst aber mit dem bewilligten NTA auskommen. Ich musste beispielsweise meine Klassenarbeiten selbst schreiben und durfte weder einer Person diktieren noch mein Spracherkennungsprogramm nutzen. Das hat meine körperliche Verfassung sehr stark angegriffen, ich war sehr oft krank, weil ich mich zu sehr verausgabt hatte und körperlich am Ende war. Auch psychisch ging es mir sehr schlecht, da viele Lehrkräfte mit mir offensichtlich Probleme hatten, weil ich eine Behinderung habe. Es wurden sehr viele Gerüchte über mich erzählt und ich bin nach wie vor fassungslos, dass Menschen andere Menschen so sehr misstrauen und tiefe Narben hinterlassen können, sich dessen aber nicht einmal bewusst sind. Natürlich waren nicht alle Lehrkräfte gegen Inklusion, aber leider der größte Teil meiner Lehrer*innen. Ich weiß auch nicht, warum das so war. Klärende Gespräche mit diesen Lehrkräften haben nicht stattgefunden. Die Situation war mehr als schwierig und hat mich weit über meine Belastungsgrenzen hinaus gebracht. Ich wurde sehr gut und intensiv gestützt und aufgefangen durch meine Sonderpädagogin, die ASKO-Beauftragte und durch die Landesarbeitsgemeinschaft „Gemeinsam Leben, gemeinsam Lernen BW“. Auch das Regierungspräsidium hat versucht, die Situation zu verbessern, was in einigen Punkten auch gelungen ist. Trotzdem hätte ich mir mehr Unterstützung seitens des Regierungspräsidiums gewünscht und weniger Vorsicht.

Allen voran stand natürlich meine Familie, ohne deren Rückhalt und Unterstützung ich nicht gewusst hätte, was ich getan hätte. Sie standen immer hinter mir und haben alles mögliche dafür getan, mir den Rücken zu stärken.

Es kam mir oft vor, als würde ich als einzelne Schülerin gegen Windmühlen (die genannten Personen) kämpfen.

Die Situation wurde nicht besser. Gegen Ende des Schuljahres hatte ich dann zwar einen viel besseren Nachteilsausgleich, da unter anderem das Regierungspräsidium sowie ein SBBZ (Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum) meiner Schulleitung erklärten, dass mein beantragter Nachteilsausgleich rechtens ist.

Aufgrund meiner Behinderung habe ich eine Schulzeitstreckung beantragt, die seitens des Kultusministeriums abgelehnt wurde.

Da ich dann im neuen Schuljahr schon wieder ab Oktober krankgeschrieben wurde, musste ich mich entscheiden, was ich mache: Bleibe ich weiterhin auf der Schule und kämpfe dafür, dass das Recht auf Inklusion auch in den Köpfen und Herzen meiner Lehrpersonen ankommt? Riskiere ich damit meine physische und psychische Gesundheit? Mache ich mein Abitur? Wie lange werde ich das noch durchstehen? Ich habe sehr, sehr lange mit mir gerungen.

Im Dezember 2018 habe ich mich entschieden, mich von der Schule abzumelden. Ich habe noch viele Monate danach mit mir gerungen, aber mittlerweile weiß ich, dass es die einzige richtige Entscheidung war. Ich habe mich für meine Gesundheit entschieden. Und auch, wenn ich damit einen wichtigen Kampf nicht weitergeführt habe und mich in dieser Schule nicht weiter für Inklusion eingesetzt habe, es ist und bleibt die richtige Entscheidung. Für mich persönlich. Für meine psychische und physische Gesundheit.

Und was bleibt? Eine erschütternde Erfahrung, wie es in deutschen Schulen um die Inklusion steht. Es macht mich fassungslos, dass Schulen den Rechtsanspruch von uns Schüler*innen mit Beeinträchtigung ohne weiteres verweigern. Natürlich hat mich die Schule aufgenommen, obwohl ich nicht mehr schulpflichtig war und deshalb auch keinen Anspruch mehr auf den Schulplatz hatte. Aber die alleinige Aufnahme heißt noch lange nicht, dass Inklusion tatsächlich auch umgesetzt wird. Wenn Schüler*innen (und deren Eltern und Unterstützungspersonen) so sehr um ihre Rechte im Schulalltag kämpfen müssen, dass die eigene Gesundheit leidet, dann ist das keine Inklusion. Ich möchte hier kein Urteil über das gesamte deutsche Schulsystem fällen, es gibt sicher viele sehr gute Schulen und Schulen, an denen die Schulleitung und die Lehrkräfte versuchen, das bestmögliche für die jeweiligen Schüler*innen umzusetzen.

Meine Schule war ein Totalausfall. Und das sagt meiner Meinung nach viel über die Situation in unserem Schulsystem aus. Denn wenn eine Schule einer Schülerin das Schulleben so schwer machen kann und es folgen nur unzureichende Konsequenzen aus diesem Verhalten, zeugt das meiner Meinung nach davon, dass wir noch sehr weit von einer inklusiven Gesellschaft entfernt sind. Natürlich könnte meine Schule auch ein Ausnahmefall darstellen, aber aufgrund der Berichterstattung wissen wir alle, dass die Situation leider in vielen Schulen so ist.

So viel zu meiner alten Schule.

© Morena Eckert

Jetzt wohne ich in Rostock und studiere. 1024 Kilometer von meinem alten Zuhause entfernt. Wenn ich jetzt von „zu Hause“ spreche, weiß ich manchmal selbst nicht, ob ich Rostock oder meinen Heimatort meine 🙂

In den Semesterferien war ich 4 Wochen bei meiner Familie im Süden. Ich bin auch an meiner Schule vorbeigefahren, da diese an der Hauptstraße liegt. Mittlerweile kann ich daran vorbeifahren, ohne dass sich mein Magen verkrampft. Zum Glück passiert es immer öfter, dass ich mit einem neutralen Gefühl vorbei fahre.

Natürlich ist zwischen meinem alten Heimatort und Rostock sehr viel passiert und genau genommen ist immer noch sehr viel Chaos. Ich weiß auch gar nicht, wo ich anfangen soll. Seit Jahren verhandele ich mit meinem Träger über das Persönliche Budget. Anträge, Widersprüche, Schreiben an die Landesbehindertenbeauftragte Baden-Württemberg, sogar eine Klage. Es kostet mich sehr viel Zeit, Nerven und Kraft. Zeit, die mir für das Studium fehlt, für mein Leben. Kraft, die ich für meinen Alltag und meine Gesundheit bräuchte. Es ist nach wie vor eine sehr schwierige Situation, weshalb ich hier nicht mehr darüber schreiben möchte, um nichts zu gefährden.

Was steht an für dieses Jahr?

Ich habe mir vorgenommen, regelmäßiger einen Beitrag zu schreiben. Allerdings werde ich keine genaue Zeitspanne festlegen. Mein neues Leben und mein Studium stehen jetzt an erster Stelle. Ich schreibe hier sehr gerne, aber nur dann, wenn ich Zeit dafür habe. Ich strebe an, im Schnitt alle 3 Wochen einen Beitrag zu schreiben, wenn ich es zeitlich nicht schaffe, ist es für mich aber nicht schlimm.

Als nächstes möchte ich das Interview mit Dilek Skrabania (Krebs oder -Leben Zwei Punkt Null-) veröffentlichen. Beim Radio der Jugendpresse Baden-Württemberg habe ich bereits einen Beitrag veröffentlicht, für meinen Blog wird er allerdings länger. Ihr könnt euch also auf noch mehr Themen freuen.

Als weitere Themen für dieses Jahr stehen der Umzug von meiner Heimatstadt nach Rostock an und vor allem, wie es dazu kam. Ich möchte euch auch unbedingt mehr darüber erzählen, wie es mir im Studium geht.

Wenn ihr Themenwünsche oder Vorschläge habt, könnt ihr euch gerne bei mir melden.

Für mich persönlich ist dieses Jahr sehr wichtig. Ich erwarte spätestens Ende April den Bescheid für das Persönliche Budget. Diese Entscheidung beeinflusst, wie ich weiterhin leben werde, ob ich mein Assistenzteam behalten kann und so vieles mehr. Aber mehr dazu in einem späteren Beitrag.

Im April startet mein zweites Semester an der Universität Rostock. Ich bin gespannt und voller Vorfreude.

Bis dahin wünsche ich euch eine gute Zeit!

 

© Morena Eckert

2 thoughts on “Mein neues Leben in Rostock

  1. Ich freue mich dass du einen Weg für dich gefunden hast der dich auf Deinem persönlichem Weg voran bringt! Ich wünsche dir alles Glück zur Bewilligung deiner Anträge, für all die Dinge die du so dringend an Unterstützung benötigst.
    Darf ich bitte noch eine kleine Frage stellen, wo mir der Werdegang doch noch nicht so ganz klar wurde. Ich habe da gerade noch zwei Fragezeichen im Gesicht stehen…. Denn du schreibst, du hast dich von deiner alten Schule abgemeldet hast,… in der wolltest du doch eigentlich das Abi machen, richtig?
    – und nun schreibst du, dass du jetzt in Rostock studierst. Wie hast du dazwischen das Abi abgelegt? Warst du trotzdem bei den Prüfungen, oder wie ist das abgelaufen?

    1. Hallo Claudi,

      vielen Dank für dein Interesse, deine Nachfragen und die Glückwünsche.
      Du darfst so viele Nachfragen stellen wie du möchtest. Ja, es stimmt, dass ich an meiner alten Schule das Abitur machen wollte. Ich werde in meinem nächsten Artikelnausführlich schreiben, warum ich jetzt in Rostock bin und studiere.

      Viele Grüße
      Morena

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