Rollstuhl hat Vorrang vor Fahrrad (Tag 3 in Frankfurt)

immer noch kaputter Rolli

Heute Morgen habe ich beim Sanitätshaus angerufen. Leider war der zuständige Mitarbeiter noch nicht da, sie würden mich aber zurückrufen, so die Antwort. Der Rückruf kam dann auch bald: Sie könnten den Rolli am Freitagmorgen reparieren. Das ging aber aber nicht, da ich ja erst gegen Abend heim komme. Der Mitarbeiter musste dann nochmal den zuständigen Kollegen fragen und hat mich später angerufen.

Rollstuhl vor Fahrrad

Auf dem Bild steht: “Rücksicht hat Vorfahrt. Liebe Radfahrer, gerne können Sie Ihr Fahrrad mitnehmen (pro Bus maximal zwei Räder, in der Straßenbahn pro Aufstellfläche maximal zwei Räder). Personen mit eingeschränkter Mobilität und Fahrgäste mit Kinderwagen haben jedoch immer Vorrang. Reicht der Platz nicht für alle, bitten wir Sie, das Fahrzeug zu verlassen. Wir danken für Ihr Verständnis. Ihre Verkehrsunternehmen im DADINA-Gebiet

Wie ihr auf dem Bild erkennt, räumt dieses Verkehrsunternehmen mobilitätseingeschränkten Personen und Fahrgäste mit Kinderwagen eine höhere Priorität als Fahrradfahrern zu, sodass die Fahrradfahrer sogar den Bus verlassen müssen, wenn eine mobilitätseingeschränkte Person oder eine mit Person Kinderwagen einsteigen möchte und es nicht genug Platz gibt. Das habe ich bisher noch nie gesehen. Bei uns im Kreis gibt es die Regelung, dass die mobilitätseingeschränkte Person oder die Person mit Kinderwagen eine höhere Priorität als Fahrradfahrer haben, sofern sie gleichzeitig einsteigen. Ist der Fahrradfahrer jedoch bereits im Bus und die mobilitätseingeschränkte Person möchte bei einem anderen Halt einsteigen, hat aber kein Platz mehr, darf der Fahrradfahrer im Bus bleiben.

Ich bin mir noch nicht sicher, wie ich die Regelung des Verkehrsunternehmens in Darmstadt finden soll. Auf der einen Seite finde ich sie wirklich gut, denn gerade in der Innenstadt können Fahrradfahrer leichter Strecken zurücklegen als mobilitätseingeschränkte Personen oder Personen mit Kinderwagen. Auf der anderen Seite finde ich es aber auch unfair, wenn eine Person, die bereits ein Ticket gekauft hat, dann aussteigen muss.

Merck-TU Darmstadt

Nach dem Frühstück sind wir zur Merck-TU in Darmstadt gefahren und hatten dort einen Experimentiertag “Arzneimittel”. Auf dem Flur ist plötzlich eine Schraube vom Rollstuhl gefallen, meine Schulbegleitung und ich konnten aber nicht feststellen, woher die Schraube kam. Da der Rolli aber schon kaputt war, wollte ich nicht mehr weiterfahren. Meine Schulbegleitung hat dann unseren Lehrer geholt und der hat auch gesucht, aber ebenfalls nichts gefunden. Er hat aber gesagt, dass es eine Drehschraube ist, also eine wichtige Schraube. Er hat dann am Rollstuhl gerüttelt und ihn durchgeschüttelt (das ist jetzt wirklich keine Übertreibung), um zu testen, ob er zusammenkracht oder nicht. Da nichts passiert ist, habe ich mich wieder reingesetzt und wir sind zurück zum Labor.

Mitten im Vortrag von Dr. Andrea-Katharina Schmidt über die Synthese und Wirkung von Schmerzmitteln hat dann das Sanitätshaus angerufen. Der Mitarbeiter hat gesagt, dass sie den Rolli am Montag holen und am Dienstag wieder bringen, zum Glück. Ein Tag ist durchaus verkraftbar, denn sonst ist er immer eine Woche weg und das ist durchaus problematisch, da ich dann oft Termine absagen muss. Der Mitarbeiter vom Sanitätshaus hat dann noch gesagt, dass ich vorsichtig fahren soll. Auf meine Nachfrage, wie das gehen soll mit steilen Rampen und hohen Bordsteinen und ob das denn jetzt bis Freitag überhaupt hält, hat er nochmal gesagt, wie wichtig es ist, vorsichtig zu fahren. Er hat nicht gesagt, dass der Rolli bis Freitag hält und das hat mich stutzig gemacht. Denn klar, aus der Ferne können sie es nicht sicher sagen, aber sonst sagen sie immer “es hält höchstwahrscheinlich” oder irgendetwas in der Art, und das war dieses Mal überhaupt nicht.

Nach dem Telefonat bin ich wieder zurück zum Vortrag. Danach haben wir Aspirin hergestellt und obwohl ich alles andere als ein Chemieversteher bin und unser Versuch anfangs dauernd ins Stocken geraten ist, haben wir eine relativ große Menge an Aspirin zusammen bekommen 🙂

Danach haben wir noch eine Glasflasche mit Silbernitrat gefärbt (Erzeugung eines sogenannten Silberspiegels).

Sunrise Medical

Bei der Bushaltestelle hat dann Sunrise Medical, die Herstellerfirma des Rollis, unseren Lehrer angerufen. Sie haben sich nicht in der Lage gesehen, uns zu helfen und meinten, dass wir den Rollstuhl einschicken sollten (dass wir auf Studienfahrt sind, war ihnen bekannt). Mein Lehrer meinte dann, ob er mich in der Zwischenzeit dann tragen solle oder ob sie einen Ersatzrollstuhl hätten. Den hatten sie aber nicht.

Goethehaus

Das Goethehaus ist an sich eigentlich rollstuhlgerecht. Allerdings funktioniert die Aufzugstür seit zwei Wochen nur auf einer Seite, sodass man nur in die Hälfte der Stockwerke kommt. Das ist auch deshalb ein Problem, da die Behindertentoilette in einem der Stockwerke ist, bei dem man die kaputte Tür bräuchte, um aus dem Aufzug zu kommen. Ich musste also die 5 Treppenstufen zur normalen Toilette runter rutschen. Da ich aber den Weg von der Treppe zur Toilette mit dem Skateboard fahren konnte (sitzend natürlich), ging das einigermaßen.

Das Museum ist schön, jeder Raum hat eine andere Farbe und ein paar Räume haben auch noch ein Sofa in der passenden Farbe. Die Bilder waren aus ganz unterschiedlichen Epochen. Zwei Naturbilder habe ich besonders schön gefunden. Man hat gedacht, dass man gleich selbst im Bild ist, wenn man noch einen Schritt weiter geht.

Bitter & Zart

Vor dem nächsten Programmpunkt hatten wir dann noch ein bisschen Zeit. Meine Schulbegleitung und ich wollten in ein Antiquariat, das aber geschlossen hatte, und in einen Süßigkeitenladen, der zum Glück auf hatte. Das war so ein Süßigkeitenladen wie aus den Filmen, an dessen Scheibe sich die kleinen Kinder die Nasen platt drücken. Die rot-weißen Zuckerstäbe gab es nicht, dafür viele Bonbons und auch die weißen Mäuse, die sogar Augen hatten. Und ganz viel Schokolade. Ich habe noch nie in meinem Leben so viel Geld für Süßigkeiten ausgegeben. Aber das war es wert. Sie machen die Sachen übrigens nicht selbst, sondern kaufen sie aus der ganzen Welt ein. Es ist zwar sehr teuer, aber eine gute Qualität, teilweise auch Bio. Und man isst die Tafel nicht auf einmal, ein kleines Rippchen reicht schon völlig aus. Und die ganze Atmosphäre in dem Laden ist zauberhaft!

Der Laden war im Übrigen auch sehr geeignet für Rollstuhlfahrer, es war genug Platz zum Fahren und auch zum Wenden.

kein Kabarett

Eigentlich wären alle am Abend noch ins Kabarett gegangen, aber das war in einem Gewölbekeller und nicht rollstuhlgerecht. Unser Lehrer hat zwar angeboten, mich die Treppe in den Gewölbekeller hinunterzutragen, da ich mich aber hinlegen muss und das ohne meinen E-Rolli nicht geht, habe ich abgelehnt. Aber es war gar nicht schlimm, so konnte ich mich ausruhen. Denn auch, wenn der ÖPNV eigentlich gut ist und das meiste auch klappt, ist in den S-Bahnen natürlich nicht so viel Platz, dass ich mich hinlegen könnte und durch das lange Sitzen während der Fahrten bekomme ich Schmerzen und durch die Anstrengung Fieber. Während die anderen also im Kabarett waren, habe ich mich in der Jugendherberge entspannt und später noch einen kurzen Spaziergang gemacht. Auf den zwei Bildern seht ihr Frankfurt und den Main bei Nacht.

Gehwegübergänge

Insgesamt muss ich sagen, dass es in Frankfurt nicht viele barrierefreie Gehwegübergänge gibt. In der Theorie gibt es zwar sehr oft eine gesicherte Nullabsenkung, in der Praxis wurde sie aber nicht richtig ausgeführt.

Eine gesicherte Nullabsenkung bedeutet, dass der Gehwegübergang aufgeteilt wird. Auf der einen Seite gibt es eine Nullabsenkung, das heißt, dass der Überweg niveaugleich zur Straße ist, damit Menschen mit Gehbehinderung problemlos die Straße überqueren können. Auf der anderen Seite beträgt der Abstand zur Straße mindestens 8 Zentimeter, damit Menschen mit Sehbehinderung den (Höhen-)Unterschied zur Straße merken und nicht plötzlich auf der Straße stehen, ohne es zu wissen. Das Leitsystem für Menschen mit Sehbehinderung muss speziell verlegt werden: Die Rillenplatten sind bei der Nullabsenkung parallel zur Straße verlegt, damit Menschen mit Sehbehinderung merken, dass sie dort nicht weiter gehen dürfen. Auf der anderen Seite werden die Rillenplatten in Gehrichtung verlegt.

Das Leitsystem wurde eigentlich immer richtig verlegt, die Höhenunterschiede waren aber so gut wie nie richtig. Oft gab es anstatt einer Nullabsenkung einen mindestens ein Zentimeter hohen Übergang und die Höhe auf der anderen Seite war nur in wenigen Ausnahmefällen wirklich 8 Zentimeter hoch.

 

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