„Wir sind keine zu behütenden Wesen“

Lydia Zoubek kam 1972 im Alter von vier Jahren nach Deutschland, machte 1988 ihr Abitur und ist blind. Auf ihrem Blog https://lydiaswelt.com schreibt sie über ihren Alltag. Ich habe mit ihr über Inklusion, Selbständigkeit und den Umgang mit blinden und sehbehinderten Menschen gesprochen.

Auch heute ist Inklusion in vielen Schulen noch nicht angekommen. Wie war die Situation für dich als Schülerin zu einer Zeit, in der es Inklusion offiziell noch gar nicht gab?
Ich habe mein Abitur an einer Schule für Blinde und sehbehinderte Kinder gemacht. Von integrativer Beschulung habe ich ab und zu gehört. Aber es waren meist einzelne Schüler, die es betraf. Ich wollte damals nicht auf eine andere Schule und dort dann das einzige blinde Kind sein.

Was denkst du zum heutigen Stand der Inklusion?
Es ist zu einem geflügelten Wort geworden, das meiner Ansicht ein bisschen überstrapaziert wird. Ist beispielsweise in einer Familie ein Mitglied behindert, wird auch schon mal von einer inklusiven Familie gesprochen. Inklusion ist für mich eine ganzheitliche Sache. Es reicht nicht aus, ein Kind mit einem Schulbegleiter auszustatten. Ich habe diesbezüglich ein Interview auf meinem Blog „Inklusion, ich war immer die Ausnahme“.

Kannst du ein selbständiges Leben führen?
Eigentlich kann ich fast alles alleine machen. Für manche Dinge brauche ich nur mehr Zeit. Gut, ich kann keine handschriftlichen Dokumente lesen oder Autofahren. Und auch beim Großeinkauf lasse ich mir lieber helfen, weil es einfach stressfreier ist.

Auch als Mutter warst du selbständig und brauchtest nur in wenigen Bereichen eine sehende Unterstützung, beispielsweise beim Spielplatzbesuch. Wie hast du das finanziert?
Als meine Kinder klein waren, gab es noch keine Elternassistenz, und schon gar nicht, wenn man mehr als den Sozialhilfesatz zur Verfügung hatte. Ich habe mir deshalb die Elternassistenz mit dem Blindengeld ermöglicht. Das ist eine Leistung, welche für blindheitsbedingte Mehraufwendungen gezahlt wird. Da das Blindengeld Ländersache ist, fällt die Zahlung in jedem Bundesland unterschiedlich aus.

Wirst du doppelt benachteiligt, weil du blind bist und einen Migrationshintergrund hast?
Nein, eigentlich nicht. Ich spreche ein perfektes Deutsch und kann mich rhetorisch gut ausdrücken. Das ist viel Wert.

Was wünschst du dir im Umgang mit blinden und sehbehinderten Menschen?
Ich wünsche mir, dass blinde und sehbehinderte Menschen nicht grundsätzlich als zu behütende Wesen angesehen werden. Es kann nicht sein, dass blinde Fahrgäste auf einer Kreuzfahrt nur bei Mitnahme einer volljährigen Begleitperson reisen dürfen (siehe „Kreuzfahrtanbieter diskriminiert blinde Fahrgästet“), die in derselben Kabine reist. Weiter wünsche ich mir, dass sehende Menschen nicht für mich denken sollen. Wenn ich jemanden nach dem Weg zur Treppe frage, dann meine ich auch Treppe, und nicht den Fahrstuhl. Ich habe einmal einen Beitrag „Tipps im Umgang mit blinden Menschen“ geschrieben. Grundsätzlich gilt jedoch: bei Unsicherheit einfach fragen.

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